„Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen …“ diese Worte begleitet von der wunderschönen Melodie klangen mir schon seit Tagen im Ohr. Bereits morgen in aller Herrgottsfrühe sollte es losgehen – nach Masuren. Meine Mutter, 1921 geboren auf dem Gut Klein-Malinowken am Laszmiadensee, hatte mich durch ihre Erzählungen von Erlebnissen aus der Kindheit ein ums andere Mal neugierig auf ihre Heimat gemacht.

 

Nach reiflicher Überlegung, denn wir wollten unseren Ausflug selbständig planen, war ich mit meiner Frau Maria einig: unser Herbsturlaub geht in diesem Jahr in den im Lied so bildhaft beschriebenen Landstrich im früheren Ostpreußen.

„Wie kommen wir von Düsseldorf nach Lyck?“, diese Frage war dank Internet sehr schnell beantwortet. Eurowings fliegt täglich nach Warschau und da wir mit unseren Vorbereitungen mehr als einen Monat vor Abreise starteten, konnten wir von den Frühbucherpreisen profitieren, d.h. eine Strecke = 1.200 km kostete uns pro Person 80 €.

Wie sollte es weiter gehen von Warschau in die Nähe von Klein-Malinowken? Schnell hatten wir auch diese Entscheidung getroffen: ein Mietwagen sollte am Flughafen in Polen für uns bereitstehen. Hier half uns die ADAC-Geschäftsstelle, die für uns die richtige Wahl traf. Da wir bereits in Deutschland buchten würden mögliche Rechtsstreitigkeiten auch nach deutschem Recht abgehandelt werden, denn noch wussten wir nicht, was uns in Polen erwartet. Für 9 Tage Mittelklassefahrzeug ohne Kilometerbegrenzung ausgestattet mit Vollkaskoschutz zahlten wir 350 €. Natürlich kommt das Benzin noch dazu.

Bei der Wahl zwischen Hotels und Pensionen fiel die Entscheidung schon ein wenig schwerer. Nach „Storchennest“ und „Denis“ entdeckten wir im Internet die Pension mit dem vertrauenserweckenden Namen „Haus am See“, nur wenige Kilometer vom Elternhaus meiner Mutter entfernt. Eines Abends wählten wir mit Herzklopfen die polnische Telefonnummer der Pensionsbesitzer. Hoch erfreut begrüßte man uns in deutscher Sprache. Schnell waren die Formalitäten abgeklärt: 50% der Gesamtsumme würden wir sofort auf ein deutsches Konto überweisen, den Rest sollten wir vor Antritt der Rückreise direkt vor Ort bezahlen. Auch hier ein Blick auf unsere Gesamtrechnung: 20 € pro Person pro Nacht plus 5 € für Frühstück und 10 € fürs Abendessen, macht für 9 Tage für 2 Personen insgesamt 630 € für Übernachtung mit Halbpension.

Am 23.9. war es endlich so weit. Um 6:40 Uhr hob der Flieger in den noch dunklen Düsseldorfer Himmel ab, unser Abenteuer Masuren konnte beginnen. Alles klappte wie geplant. Nachdem wir im hochmodernen Warschauer Flughafen unsere Koffer in Empfang genommen hatten, wurden 300 € in Zloty (1 € sind ca. 4 Zloty) gewechselt.

Der gebuchte Mittelklassewagen war ein voll betankter roter Renault Mégane, der lt. Tacho erst wenige 1.000 km gefahren war. In unser eigenes Navigationssystem hatten wir vor Reiseantritt die polnische Karte geladen und so tippten wir stolz und gespannt unser erstes Reiseziel ein: Sajzyl. Es dauerte nicht lange, denn schon bei Ausfahrt aus dem Parkhaus hatte das Navi „seine“ Satelliten entdeckt und verkündete nunmehr stolz seine erste Meldung: „in 50 m rechts abbiegen“. Maria und ich strahlten uns gegenseitig an. Das war schon einmal geschafft!

In Warschau konnten wir den Vorschlägen des Navi nicht immer folgen, denn überall wird zur Zeit gebaut. Doch schon bald befanden wir uns in nordöstlicher Richtung auf dem Weg Richtung Masuren. Ein LKW-Sonntags-Fahrverbot scheint es in Polen nicht zu geben und die vorgeschriebenen Verkehrsregeln werden auch nicht immer eingehalten, das hatten wir schnell verstanden. Trotz durchgezogener Linien wurden wir überholt und manchmal konnten wir uns des Eindrucks kaum erwehren, als seien wir die einzigen, die an diesem Tag die Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen 90 und 110 km/h (je nach Anzahl der Spuren) einhielten, aber das war uns egal, denn wir wollten kein Risiko eingehen. Wir waren ja schließlich in Urlaub!

Nach gut 4 Stunden und einem Snack bei Mc Donalds erreichten wir Lyck (Elk), wenige Minuten später Wittenwalde (Oracze) und nach Stradaunen blitzte im Vorbeifahren kurz das Ortsschild von Malinowken auf. Nun waren es nur noch 5 km bis zu unserem „Haus am See“. Ein schmuckes Gebäude mit 3 Hunden, einer großen Wiese samt Badestrand und einer äußerst herzlichen und sehr liebenswürdigen Besitzerin namens Beata, die in den kommenden 9 Tagen nicht nur unsere Gastgeberin sein würde, sondern die uns jederzeit auch mit guten Tipps und Ratschlägen weiter half.

Nach einem ersten Spaziergang durch die wunderschöne Alleenstraße mit einem der Hunde durften wir unsere erste Mahlzeit einnehmen und hier stellte Beata immer wieder ihre ganz besonderen Fähigkeiten unter Beweis: zuerst gab es abends immer eine Suppe und anschließend ein leckeres Hauptessen. Selbst geschossenes Wildschwein oder Reh aber auch ostpreußische Spezialitäten wie Königsberger Klopse standen auf dem Speiseplan, dazu ein Salat und fast regelmäßig gestampfte Kartoffeln – es hat uns jedes Mal sehr gut geschmeckt!

Die Pension diente von nun an als Ausgangspunkt unserer täglichen Ausflüge. An den ersten Tagen lernten wir die nähere Umgebung, die Orte Malinowken, Wittenwalde und Lyck, von denen meine Mutter unzählige Male so begeistert berichtet hatte, ein wenig näher kennen. Ausgestattet mit Koordinaten der Grundstücke hatten wir sehr schnell den noch gut erhaltenen Bauernhof am Lazmiadensee entdeckt. Zwar hatten die neuen Besitzer des Grundstücks vor Jahren begonnen, aus Beton ein paar hässliche Wohneinheiten hinzu zu fügen, doch offenbar war ihnen das Geld ausgegangen. Beata, die Leiterin unserer Pension berichtete uns von einem Stillstand der Bauarbeiten seit mehr als 10 Jahren.

Wie schön muss es hier früher gewesen sein. Am Dachfirst entdeckten wir das Storchennest, von dem meine Mutter so oft und so gerne erzählt hatte. Leider ziehen die Störche bereits Ende August gen Süden, jedoch sollen diese großen Vögel treu sein und Jahr für Jahr exakt zum gleichen Nest zurückfinden, so dass schon in den 20er Jahren immer wieder große Freude herrschte, sobald das Klappern der Storchenschnäbel zu hören war: ein untrügliches Zeichen dafür, dass nach einem kalten Winter das Frühjahr endlich gekommen war. Übrigens: die meisten Storchennester auf kürzester Strecke zählten wir bei unserer Fahrt durch Grabnick.

Verlassene Storchennester entdeckten wir von nun an fast im Minutentakt auf Dachfirsten und Fernmeldemasten. Masuren, so erfuhren wir aus einem Reiseführer, gilt nicht nur als grüne Lunge, hier sollen die meisten Klapperstörche in Europa nisten. Wenn auch keine Störche, so begegnete uns während der Rundreise zumindest ab und zu eine der Lieblingsspeisen der Rotschnäbel: vor allem an Seeufern sahen wir kleine Frösche, deren Ruhe wir neugierigen Heimatforscher ein ums andere Mal störten.

In Wittenwalde kehrten wir nach erfolgloser Suche nach einem weiteren Grundstück in ein gemütliches kleines polnisches Lokal mit dem vielsagenden Namen „Karcsma Masurska“ ein. Wie so oft versuchten wir uns auch hier mit Händen und Füßen verständlich zu machen, denn Deutsch und Englisch wird offenbar nur in größeren Städten wie Lötzen oder Nikolaiken verstanden. Die Speisekarte war nur für Einheimische gedacht, doch irgendwie konnten wir „Mazurki smalczyk“ als leckeres Schmalzbrot und „Gulasz wolowy“ als schmackhaften Gulasch identifizieren. „Bigos“ war uns aus dem Führer als Nationalgericht (gedünstetes Sauerkraut mit Wurst) bekannt, doch „Flaczki z chleben“, eine fleischig schmeckende Suppe, sollte uns bis kurz vor der Abreise ein Rätsel bleiben. Hierbei handelt es sich um die sogenannte Kuttelsuppe, die aus dem mehrfach gereinigten Pansen der Kuh gefertigt wird. Gut, dass wir dies erst später erfuhren.

In Lyck besuchten wir den Sonntagsgottesdienst in der katholischen Kirche. Diese Kirche war bis 1945 wie fast alle Kirchen in Masuren evangelisch gewesen. Der Vater meiner Mutter hatte hier früher gepredigt. Nicht nur in dieser Kirche beobachteten wir die starke Verehrung des „polnischen Papstes“ Johannes Paul II. In Nikolaiken sahen wir vor einer Kirche sogar ein Standbild von Wojtyla, das an seinen Masurenbesuch erinnerte. Zwar verstanden wir von Gottesdienst und Liedern kaum etwas, jedoch konnten wir halbwegs mitsingen, denn in polnischen Kirchen gibt es kaum noch Gesangbücher, anstatt dessen werden auf elektronische Tafeln wie beim Fernsehen die Untertitel Textzeile nach Textzeile in großen Lettern angezeigt.

Leider fehlt der Raum, so dass ich hier nicht ausführlicher von unserer gesamten Fahrt berichten kann. Wir besuchten weiterhin Lötzen und Nikolaiken, lernten eine nette polnische Familie in Turowen kennen, deren Scheune noch heute die Anfangsbuchstaben des Nachnamens meiner Vorfahren schmückt, wir betraten voll Ehrfurcht einen sehr alten Friedhof in Borschimmen, wir fuhren nach Treuburg, das uns mit seiner idyllisch gelegenen Uferpromenade schönste Fotomotive bescherte. Unvergessen sind auch die Gespräche in vertrauter (!) Sprache mit einer früheren Ostpreußin, die uns beim Betreten einer evangelischen Kirche sofort als Deutsche identifizierte, sowie die interessante Unterhaltung mit einer älteren Dame im Lycker Wasserturm, wo sich die „Deutschen Minderheiten“ regelmäßig treffen.

All unsere Erinnerungen an diesen eindrucksvollen Aufenthalt in Masuren haben wir in fast 2 Stunden Film und über 600 Fotos festgehalten, die wir vor wenigen Tagen meiner Mutter und der angereisten Verwandtschaft im Seniorenheim in Norden in Ausschnitten vorstellen durften. Dort reifte auch die Idee, dass wir im Juli 2013 ein weiteres Mal, diesmal jedoch in Begleitung von ebenfalls interessierten Verwandten, in das wunderschöne Masuren reisen wollen.

Übrigens: während der Reise telefonierten wir täglich und ausführlich mit meiner Mutter über Handy. Bei den Planungen zu unserem „Ausflug in die Vergangenheit“ hatte sie uns wichtige Tipps mit auf den Weg gegeben. Auch wenn sie nicht körperlich dabei sein konnte, irgendwie war sie doch immer mit uns unterwegs und freute sich sehr, als wir ihr bei unserem Besuch in Norden einen kleinen Stein überreichten, den wir direkt vor ihrem Elternhaus aufgehoben und mitgenommen hatten.

Maria und Rainer Lüers, Düsseldorf

Mail-Adresse: admin@kantopia.de

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